GEDANKEN ZUR CHRISTUSDARSTELLUNG VON FRIEDRICH PRESS

Der ganze Kirchenraum wurde bewusst einfach und ohne kunstvolle Farbgebung gestaltet. Als Gemeinschaft der Klarissen von der Ewigen Anbetung gehören wir in die Familie des heiligen Franziskus, der im Blick auf Jesus einfach und arm lebte.

Unsere Klosterkirche St. Clara ist eine Anbetungskirche, das heißt, hier wird den ganzen Tag über Jesus in der Hostie angebetet. Nur aus dieser liebenden göttlichen Wirklichkeit ist die Christusdarstellung zu verstehen. In künstlerischer Sprache spricht sie vom Leben, Leiden und Lieben Jesu Christi. Dabei ist der erste Eindruck eckig, kantig, ja anstößig. Sie ist 1971 entstanden, zu einer Zeit, da die staatlich überwachte Kunst mehr die runden Formen bevorzugte, um auf eine scheinbar harmonisch-gelungene Gesellschaft hinzuweisen. Es bleibt uns aber, den Anstoß des Kreuzes wahrzunehmen, den die kantige Gestalt ausdrückt.

Das Material (gebrannte Erde und Sand), wie der Boden der Kirche, weist auf die ersten Kapitel der Bibel: Gott formte den Menschen aus Erde.

Der Ort, die Mitte der Wand, deutet darauf hin: Christus, geboren im "Zenit der Zeiten", ist die Mitte von Zeit und Raum, die Mitte der Gemeinschaft, letzte Mitte eines jeden.

Nahtlos tritt die Figur von unten aus der Wand hervor - still und unbemerkt ist Jesu Eintritt in diese Welt und 30 Jahre lebte er vorborgen. Der leise Übergang führt jedoch in eine überdimensionale, mächtige Gestalt - Jesus redete und wirkte in göttlicher Vollmacht, IHM ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden.

Die Gestalt ist kreuzesförmig - Jesus der Gekreuzigte.

Die betont ausgespannten Arme: Sinnbild der alles umfassenden Liebe Gottes. Wer die Arme ausbreitet, kann keine Faust machen. Ausgespannte Arme sagen: Du bist mir willkommen, ich bin für dich da, ich habe dich gern, ich liebe dich! Genau wie es uns Jesus in der heiligen Hostie sagt.

Die Arme weisen auf den Ort, an dem die Schwestern beten und auf das alltägliche Leben der Stadt, das heißt in Jesus trifft sich unsere Anbetung und der Alltag der Arbeit und Geschäftigkeit. Unser Leben steht in Verbindung mit dieser Welt. Wir haben uns nicht an ein ruhiges Plätzchen zurückgezogen, sondern wir sind betend für andere da, stellvertretend dankend und bittend. Diese Vermittlung zeigen die ausgespannten Arme. Und auch wir leben davon, dass wir mitgetragen werden von unseren Mitmenschen.

Die in fünf Teile gegliederten Arme erinnern an die fünf Erdteile - die ganze Welt ist von Jesu Liebe umfangen.

Der oberste Kranz am Haupt stellt die Dornen- und Siegeskrone dar. Die Dornenkrone deutet auf das Leiden Jesu hin und erscheint wieder auf der Tabernakelsäule. Dort wird sie überragt von der Monstranz mit der heiligen Hostie, die auf Auferstehung und ewiges Leben verweist.

Die weit geöffneten Augen schauen unsere Welt und alles, was in ihr ist. Wo jemand mit offenen Augen anschaut, ist Beziehung. Jesus wendet uns sein Antlitz zu.

Der geschlossenen Mund: Jesus schweigt, weil er selbst das Wort Gottes ist; Aus- und Anspruch Gottes. Die Worte Jesu haben uns die Jünger und Apostel in der Bibel überliefert.

Mit dem angewinkelten Bein kommt die ganze Gestalt auf uns zu. Jesus kommt uns entgegen, will uns begegnen und mit uns gehen.

Im Schnitt- und Verbindungspunkt von Armen, Haupt und Leib kann das innere Auge das Herz sehen. Das Herz, verborgen und leise, der Ort der Liebe, die bewegt und singt, die Liebe, die immer Einladung ist, inne zu halten...